Tag 5 – Zu Besuch bei Ötzi

Ermutigt durch den ausgezeichneten Wetterbericht des Hüttenwirtes der Martin-Busch-Hütte machte ich mich am 5. Tag auf den Weg, dem Similaunmann einen Besuch abzustatten – oder zumindest dessen Denkmal.



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Circa zwei Stunden dauert der Weg von der Martin-Busch-Hütte zur Similaunhütte. Nach einer Stunde Wegstrecke gibt es eine Abzweigung zum Denkmal des Similaunmann, von wo aus ein steiniger und steiler Pfad zur Similaunhütte hinunterführt. Mitsamt diesem Umweg dauert die Tour ungefähr 3,5 Stunden -sofern man sich nicht im Nebel verirrt.

Wegweiser zur Similaunhütte – Der ausgeschilderte Weg führte direkt in die Nebelfelder.

Das Ötzi-Denkmal liegt irgendwo dort oben im Nebel verborgen. Mir dränkte sich unweigerlich die Frage auf, wieso man sich eigentlich freiwillig in eine Schlecht-Wetter-Zone begibt.

Der Nebel und ich näherten uns zügig einander an.

Martin-Busch-Hütte – der Blick zurück. Der Klick aufs Foto läßt die Hütte am Ende des Bergsattels in der Vergrößerung noch erahnen. Viel freundlicher sieht es dort unten aus, aber ich habe mir ja in den Kopf gesetzt, dem Ötzi einen Besuch abzustatten.

Am Wegweiser zur Ötzi-Fundstelle angekommen. Nur noch ein paar Meter, dachte ich. Leider stimmte diese Vermutung nicht ganz mit den Tatsachen überein.

Der Nebel wurde minütlich dichter. Auf der Martin-Busch-Hütte teilte man mir mit, der Weg sei ganz leicht zu finden und durch Steinmandel (kleine Steinpyramiden) gekennzeichnet. Reicht die Sichtweite jedoch nicht bis zum nächsten Steinhaufen, nützt die Markierung nicht sehr viel. Ich irrte ein wenig herum, rutschte auf einem ziemlich eisigen Gletscher ein paar Meter hangabwärts, bis ich zum Glück von einem Matschfeld aufgehalten wurde. Für den späteren Nachmittag war Gewitter angesagt und ich verspürte keine große Lust, unweit der Ötzifundstelle für ein weiteres Denkmal zu sorgen.
So beschloss ich an dieser Stelle , eine unter Umständen unpopuläre Entscheidung zu fällen: Die Entscheidung umzukehren.


Anders als in einer Gruppe gestaltet sich der Entscheidungsprozess allein im stillen Dialog mit dem Alter Ego. Das vereinfacht die Sache nicht unbedingt: Es fehlt hierbei eine Referenz; eine zweite Meinung, die die Entscheidung, sofern ein Konsens gefunden wird, zumindest subjektiv richtig erscheinen läßt. Auf sich allein gestellt, kommen immer wieder Überlegungen auf, ob die Entscheidung nicht aus einer aufkommenden Panik heraus gefällt wurde. Zudem besteht eine Tendenz, sich selbst und die gesamte Aktion immer mehr in Frage zu stellen, je weniger vertraut man mit der jeweiligen Situation ist. Fragen wie “Bin ich in noch Herr der Lage?” oder weniger subtil: “Was mach’ hier überhaupt??” führen unter Umständen zu Rückkopplungseffekten und erschweren zusätzlich die Entscheidungsfindung.

Sehr interessant jedoch, dies alles im Nachhinein zu analysieren. Das rationale Abwägen von Chancen und Risiken und die Abstimmung der eigenen Fähigkeiten auf die jeweilge Situation ist eine der wichtigsten Komponenten für erfolgreiche Bergtouren. Intuition und Bauchgefühl spielen dabei trotz aller Rationalität eine große Rolle. Die größte Schwierigkeit ist, zwischen unterschwelliger Panik (Angst) und ungutem Bauchgefühl (Intuition) zu trennen.

Ich drehte also um und versuchte mein Möglichstes, um zwischen den Nebelschwaden den Weg wiederzufinden, den ich hergekommen war. Immer noch grübelnd, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe, erblickte ich nach ein paar Minuten plötzlich schemenhaft ein paar Gestalten im Nebel, die mir entgegenkamen.

Die plötzliche Erkenntniss, hier oben nicht mehr allein auf mich gestellt zu sein, empfand ich als riesige Erleichterung. Je weniger frequentiert der Weg, desto freundlicher wird sich unbekannterweise begrüßt. Meine Zuversicht, doch noch das Ötzi-Denkmal zu sehen, wuchs sekündlich. Schnell stellte sich heraus, daß die Wandergruppe aus Schottland kam und ihr Führer den Weg schon einmal gegangen ist. Zudem seien sie als Schotten Nebel gewöhnt und ich könne mich gerne ihrer Gruppe anschließen. Mit Freude nachm ich das Angebot an und wir bahnten uns fortan zusammen und im netten Gespräch den Weg durch die Schwaden.
Meine Entscheidung, umzukehren hatte sich somit bewährt. Wenig später wurde mir schlagartig bewußt, daß die Entscheidung sogar in zweifacher Hinsicht richtig war: Ich bin im Alleingang falsch abgebogen.

Geschafft: Als das Ötzi-Denkmal aus dem Nebel tauchte, verspürten alle eine gewisse Erleichterung: Dies war der sichere Beweis, dass wir noch auf dem richtigen Weg waren.

Das Ötzi-Denkmal ist ein aus dem umliegenden Steinmaterial geschichteter, konischer, vierkantiger Turm in dessen Seiten Granitplatten eingelassen sind, die die Inschriften enthalten.
Die munifizierte und durch den Schnee konservierte Leiche wurde am 19. September 1991 hier gefunden. Das Alter der Leiche wird auf ca. 5300 Jahre beziffert. Über die genaue Todesursache gibt es mehrere Theorien. Der Körper wies mehrere Verletzungen auf, darunter eine Pfeilwunde im linken Schulterblatt, eine Kopfverletzung sowie Schnitttwunden an den Händen. Harte Zeiten, damals hier in den Alpen, 3291 vor Christus…!

Anfangs noch gut ausgeschildert, war Weg zur Similaun-Hütte herunter zwischenzeitlich auch nicht ganz einfach zu finden. Zudem befanden sich unter den Scheefeldern teilweise große Pfützen, die nur noch mit einer dünnen Eiskruste bedeckt waren. Es bestand vielfach akkute Einbruchsgefahr, so dass wir uns teilweise nur langsam vortasteten und die Wanderstöcken als Eis-Sonden benutzen.

Weiter unten wurde der Weg wieder fester. Steile Passagen sind durch Drahtseile versichert und teilweise sind Stufen in den Fels gehauen. Trotzdem ist der Weg keine Promenade. Er verläuft streckenweise über einen Grat, dessen Exponiertheit ich aufgrund des Nebels nicht beurteilen konnte. Fluch oder Segen? Für Für Menschen mit Höhenangst vielleicht Segen. Die Ungewissheit, wie tief und steil es denn nun tatsächlich an manchen Stellen hinunter ging, verlieh der Similaun-Tour noch einen zusätzlichen Reiz. Endlich die Similaun-Hütte unter mir zu sehen


Letzter Teil: Abstieg von der Similaun-Hütte nach Vernagt

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